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Unsere Realität ist bestimmt von Technik und Elektronik. Durch Fernsehen und Internet erhalten wir einen nahezu unbeschränkten Zugang zu Informationen, ohne technische und elektronische Geräte bräche das gesamte System in sich zusammen. Die mediale Erfahrung bestimmt inzwischen unser Erleben, hat realitätsstiftenden Charakter. Selbst unsere Idee von Zeit und Raum ist letztlich durch das von elektronischen Medien betriebene Verschachteln und beliebige Aktualisieren von Zeit- und Raumebenen dominiert. Das Verhältnis von Aktiv und Passiv hat sich nahezu verkehrt.
Halbleiterplatten und Computerchips, Herzstücke unserer Informations- und Funktionstechnologie, in überdimensionaler Ausschnittsvergrößerung oder Wiederholung sind Thema von Rudolf Ludewigs Arbeiten. Linien und Knotenpunkte, ohne Anfang, ohne Ende, technisch-konstruktiv. Während Ludewigs technische Vorbilder stets zweckorientiert eingesetzt sind, übernehmen sie im künstlerischen Kontext nun eine ganz andere Funktion. Es ist das sinnliche erfahrbare Spiel, das Spiel mit Raum, mit Vorder- und Hintergrund, mit Farbe, Form und Materialität, das bei diesen Arbeiten fasziniert. Die für das Vorbild vollkommen wertlose ästhetische Struktur erhält hier in seiner entfremdeten Form einen neuen Zusammenhang, ermöglicht sinnliche Erfahrung, die das Vorbild verhindert.
Ludewigs künstlerische Technik, der Siebdruck, macht seine Arbeiten praktisch unbegrenzt reproduzierbar, wie auch Informationen und Wissen durch die elektronischen Medien heute demokratisiert, also Allgemeingut sind. Im Gegensatz dazu nutzt der Künstler dieses Charakteristikum seiner Arbeitsweise nicht: die meisten seiner Siebdruckarbeiten bleiben Unikate.
Motiv und Technik geben den Bildern Ludewigs eine Aura von Objektivität, Sachlichkeit und Unemotionalität. Damit stehen die Arbeiten in einem spannungsreichen Kontrast zu den mit Ölfarben gemalten, expressiven Bildern von Jutta Brüning. Bei ihr steht der Malprozess im Vordergrund. Die Farbe wird mit unterschiedlich breiten Pinseln gestrichen, getupft, gespritzt, in geraden, schwingenden oder kreisenden Bewegungen, pastos oder lasierend aufgetragen. Immer wieder entstehen neue Strukturen, neue Formen und Farben, stets verbleibt sie in der Abstraktion.
So stark diese Arbeitsweise auch von Emotionen und Befindlichkeiten der Künstlerin beeinflusst ist und sein soll, so klar sind auch die Vorgaben, denen sich Jutta Brüning beim Malprozess unterwirft. Stets verwendet sie das quadratische Format, jedoch in unterschiedlichen Größen von 20 x 20 bis 100 x 100 cm. Immer ist die relativ grobe Leinwand auf einen stark kantigen Keilrahmen gespannt, die Seiten bleiben unbemalt, es gibt keine klare Ausrichtung des Bildes. Alle Farben können verwendet werden.
Jedes der Farbfelder wirkt für sich und dennoch sind sie als Elemente gedacht. Die modulen Farbfelder werden zu Bildobjekten zusammengestellt, ein Gestaltungsprozess, den Jutta Brüning am liebsten erst am Ausstellungsort endgültig vollzieht. Mal werden gleichformatige Tafeln pointiert miteinander konfrontiert. Mal entstehen größere Gebilde aus ganz unterschiedlichen Formaten, bei denen die einzelnen Elemente verbindend oder kontrastierend an- bzw. gegeneinander gefügt werden. Immer jedoch ist es ein Rausch an Farben, in den der Betrachter sich voller Lust hineinbegeben kann.
Ergänzend präsentiert die Galerie den bereits im 13. Jahr in 100er Auflage erscheinenden Jahreskalender aus der Siebdruckwerkstatt von Jutta Brüning und Rudolf Ludewig. Vier weitere Künstler, die üblicherweise nicht mit dieser Technik arbeiten, sind beteiligt. Diese immer wieder wechselnden Künstler haben sich für die Arbeit an dem Kalender intensiv mit der Technik und deren Möglichkeiten auseinandergesetzt, so dass eine überaus interssante und vielschichtige Verbindung mit ihren ganz eigenen Thematiken und Arbeitsweisen entstanden ist.